Samstag, 30. August 2014

21. August 2014 - Kampf als Erlebnis

Ernst Jünger: Der Kampf als inneres Erlebnis


„Immer hat es Kampf und Kriege gegeben, aber was hier
dunkel und unaufhörlich vorüberzieht, das ist die furchtbarste
Form, in die der Weltgeist bis jetzt das Leben gestaltet hat. Und
gerade weil diese Massen so grau und eintönig sich
voranwälzen, um sich vorn hinter den Dämmen zu einem
Becken voll ungeheurer potentieller Energie zu speichern,
gerade deshalb erwecken sie den Eindruck der reinen Macht,
deren Idee sich wie ein elektrischer Strom auf den einsamen
Zuschauer überträgt. Das ist ein Eindruck von einer berauschenden Nüchternheit, wie sie sich ähnlich nur in Zentren
unsrer großen Städte oder in den Vorstellungen der Kraftfelder
nach den Begriffen der modernen Physik offenbart. Hier steckt
schon ein cäsarischer Wille, der den Ausmaßen der Masse
gewachsen ist. Was sich hier vorbereitet, ist schon eine Schlacht
im Sinne einer ganz neuen Zeit.

Eben noch, als ich drinnen mit den Kameraden
beisammensaß, deren Lachen verworren durch das abgeblendete
Fenster klingt, war ich ganz der Sohn einer alten Zeit, und es
schien mir, daß übermorgen alte und heilige Symbole neuen
Zielen entgegengetragen werden sollten. Aber hier scheint der
Seidenglanz der Fahnen zu verblassen, hier spricht ein bitterer
und trockener Ernst, ein Marschtakt, der die Vorstellung von
weiten Industriebezirken, Heeren von Maschinen,
Arbeiterbataillonen und kühlen, modernen Machtmenschen
erweckt. Hier spricht das Material seine eisenharte Sprache und
der überlegene Intellekt, der sich des Materials bedient. Und
diese Sprache ist entschiedener und schneidender als jede andere
zuvor.

Aber was sind das für Menschen, die sich ihrer Zeit nicht
gewachsen fühlen? Wir schreiben heute Gedichte aus Stahl und
Kompositionen aus Eisenbeton. Und wir kämpfen um die Macht
in Schlachten, bei denen das Geschehen mit der Präzision von
Maschinen ineinandergreift. Es steckt eine Schönheit darin, die
wir schon zu ahnen imstande sind, in diesen Schlachten zu
Lande, auf dem Wasser und in der Luft, in denen der heiße
Wille des Blitzes sich bändigt und ausdrückt durch die
Beherrschung von technischen Wunderwerken der Macht. Und
ich kann mir wohl vorstellen, daß später eine Einstellung
möglich ist, die diesen Äußerungen einer mit einem mächtigen
Tatsachensinn begabten Rasse gegenübersteht wie etwa eine
prächtige Orchidee, die keiner anderen Berechtigung bedarf als
ihrer Existenz.

Alle Ziele sind vergänglich, nur die Bewegung ist ewig, und
sie bringt unaufhörlich herrliche und unbarmherzige Schauspiele
hervor. Sich in ihre erhabene Zwecklosigkeit versenken zu
können wie in ein Kunstwerk oder wie in den gestirnten
Himmel, das ist nur wenigen vergönnt. Aber wer in diesem
Krieg nur die Verneinung, nur das eigene Leiden und nicht die
Bejahung, die höhere Bewegung empfand, der hat ihn als Sklave
erlebt. Der hat kein inneres, sondern nur ein äußeres Erlebnis
gehabt.

Hier fließt es vorbei, das Leben selbst, die große Spannung,
der Wille zum Kampf und zur Macht in den Formen unserer
Zeit, in unserer eigenen Form, in der trotzigsten und
wehrhaftigsten Haltung, die man sich denken kann. Vor diesem
mächtigen und unaufhörlichen Vorüberfluten zum Kampf
werden alle Werke nichtig, alle Begriffe hohl, man empfindet
die Äußerung eines Elementaren, Gewaltigen, das immer war
und immer sein wird, auch wenn es längst keine Menschen und
keine Kriege mehr gibt.“

Seite 105 und 106

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